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Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Berlin,
Cod. Lat. fol. 416 et Cod. Vat. lat. 3256

Vergilius Augusteus

4. Jahrhundert



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[W]orauf gründete der Vergilius Augusteus seinen Ruhm? Der Philologe wird antworten, daß er zu den allerältesten Zeugnissen seines Textes gehört. Er wird aber zugleich einräumen müssen, daß die geringe Anzahl der erhaltenen Verse – 284 von ursprünglich fast 13.000 – die Bedeutung des Fragmentes als Textzeuge stark einschränkt: tatsächlich würde die textkritische Edition der opera maiora Vergils nicht anders aussehen, wären unsere Blätter unbekannt geblieben.

Der Paläograph wird den Vergilius Augusteus als den Rest einer seltenen Form spätklassischer Schrift, der sog. Capitalis quadrata, schätzen. Es handelt sich aber um einen recht künstlichen Zweig auf dem Stammbaum der lateinischen Buchschrift, der von kurzer Dauer blieb und die darauf folgenden Schriftformen nicht merkbar beeinflußte.

Für den Kunstforscher ist die Handschrift ein Denkmal erster historischer Bedeutung, weil ihre fünfzehn Zierbuchstaben am Anfang einer Entwicklung stehen, die später zu einer fast unüberschaubaren Anzahl von Initialen in Tausenden von Handschriften führen sollte. Wie bescheiden sie auch wirken mag, in der dekorativen Ausstattung des Vergilius Augusteus liegt unstreitig sein größter Wert."

Die Tatsache, daß wir nur drei Handschriften in Capitalis quadrata – alle nur als Fragmente erhalten – kennen, macht es schwer, sie durch paläographische Kriterien fest zu datieren, zumal die relative Chronologie der Rustica-Handschriften, mit denen sie am ehesten zu vergleichen sind, keineswegs festliegt. Was den Augusteus betrifft, so hat man ihn innerhalb einer Zeitspanne von mehreren Jahrhunderten bald früher, bald später angesetzt. Vetustissimus – von ungewöhnlich hohem Alter – wurden die von Orsini der Vaticana geschenkten Blätter schon im ersten Katalog genannt. Und als Pertz als erster eine nähere Zeitbestimmung wagte, hielt er es ernstlich für glaubhaft, sie könnte fast gleichzeitig mit dem kaiserlichen Freund des Dichters sein; daher der Name Augusteus.

So schwer das Urteil der erfahrensten Schriftforscher auch wiegt, so gebührt in der Datierungsfrage das letzte Wort nicht der Paläographie, sondern der Kunstgeschichte. Denn allein mit Hilfe der dekorativen Initialen, die einen besonderen Ruhmestitel des Vergilius Augusteus ausmachen, können wir die Handschrift auf dem Boden anderer datierbarer Denkmäler einigermaßen fest verankern.

Diesen – den ältesten Zierbuchstaben, die wir überhaupt kennen – wollen wir nun unsere Aufmerksamkeit zuwenden. Vier- bis fünfmal größer als die gewöhnlichen Textbuchstaben, schmücken die Initialen die obere linke Ecke jeder Schriftkolumne, und zwar unabhängig davon, ob das so ausgezeichnete Wort am Anfang eines neuen Satzes steht, ja, auch wenn es sich mitten in einem Satz befindet. Dieses System war schon Ruinart bei dem Fragment aus der Bibliotheca Pithoeana als bemerkenswert aufgefallen. Die Sitte, den ersten Buchstaben jeder Kolumne oder Seite zu vergrößern, ist, wie Lowe als erster feststellte, gerade für die ältesten lateinischen Handschriften bezeichnend, und zwar noch mehr für diejenigen des IV. –V. als für diejenigen des V. –VI. Jahrhunderts – ein weiterer Grund, den Vergilius Augusteus eher früh als spät anzusetzen.

Der Vergilius Augusteus ist nicht nur die älteste mit Zierbuchstaben ausgestattete Handschrift, die wir kennen, sondern auch die einzige, für die eine so frühe Datierung wie das IV. Jahrhundert in Frage kommt. In Wirklichkeit müssen wir ein Jahrhundert warten, bis wir wieder Proben jener Verschmelzung von Schrift und Ornamenten finden, die für den Zierbuchstaben kennzeichnend ist. Denn erst im VI. Jahrhundert setzt die Initialornamentik auf etwas breiterer Grundlage ein, und auch dann zunächst noch ziemlich ungeregelt und experimentierend. Die isolierte Stellung des Vergilius Augusteus innerhalb der Geschichte der ältesten Buchkunst ist vielen Forschern ein Stein des Anstoßes gewesen und hat sie nicht glauben lassen, daß die Handschrift so früh anzusetzen sei.

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