Harmonie der Buchkunst
enige Bilderhandschriften aus der Spätzeit des
Mittelalters strahlen soviel Harmonie aus wie das in
deutscher Sprache abgefaßte
Glockendon-Gebetbuch, das im Jahr 1534 geschaffen wurde.
Der Meister der wunderbaren Miniaturen ist
Nikolaus Glockendon, der berühmteste Sproß der
Nürnberger Künstlerfamilie. Er schuf es für den Kardinal
Albrecht von Brandenburg, einen der größten
Kirchenfürsten der Reformationszeit.
Eine abenteuerliche Geschichte
Was nach dem Tode Albrechts von Brandenburg
mit dem Gebetbuch geschah, ist nicht bekannt. Nur
durch einige Besitzereinträge in der Handschrift selbst
können wir einige Schlüsse auf ihre Geschichte ziehen.
So geht aus einer Eintragung aus dem 18.
Jahrhundert hervor, daß zu dieser Zeit die Handschrift im
Besitz eines Grafen Csobor war. Diese Familie war
eine der vornehmsten Ungarns. Ein Mitglied kämpfte
auch im Dreißigjährigen Krieg, aus dem er die
Handschrift, vermutlich als Kriegsbeute, mitbrachte.
Der letzte Sproß des Hauses war ein schlechter
Verwalter seiner Güter, und so mußte er sich aus
Geldnot von seinen Kunstschätzen, so auch vom
Glockendon- Gebetbuch, trennen.
Über einen Wiener Antiquitätenhändler gelangte
das Werk an den Marchese Tommaso Obizzi del
Cataio, der allerdings seinerseits der letzte seines
Geschlechts war; so ging seine Sammlung und auch unser
Werk 1803 auf dem Erbweg an die Casa d'Este über.
Nikolaus Glockendon der letzte
große deutsche Meister der Buchmalerei
Nikolaus Glockendon war der bedeutendste und
begabteste Sproß einer Künstlerfamilie, die seit der
Mitte des 15. Jahrhunderts in Nürnberg tätig war. Er war
vor allem von den großen deutschen Meistern seiner
Zeit wie etwa Dürer, Schongauer oder Cranach
beeinflußt. Diese prägten den Duktus und die Farbgebung
seiner Bilder.
Es war auch Albrecht Dürer, der Albrecht von
Brandenburg zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf den
jungen Glockendon aufmerksam gemacht hatte. Doch
auch andere Fürsten wußten die Qualität unseres Meisters
zu schätzen, wie etwa Herzog Johann von Sachsen
oder Herzog Albrecht von Preußen.
Ideal war das geistige Umfeld, in dem die
Kunst Glockendons sich zum letzten Höhepunkt der
deutschen Buchmalerei aufschwingen konnte:
Nürnberg befand sich an der Schwelle zur Neuzeit auf dem
Höhepunkt seines Glanzes. Diesen Glanz verdankte die
Stadt vor allem ihrem wirtschaftlichen
Aufschwung, aber auch Kunst und Wissenschaft standen in
hoher Blüte.
Der Auftrag eines Kirchenfürsten
Mit nur 23 Jahren wurde Albrecht von
Brandenburg Erzbischof von Magdeburg und Administrator des
Bistums Halberstadt. Schon ein Jahr später wurde er
Mainzer Erzbischof und 1518 bereits Kardinal.
Selbst für ein Mitglied einer so bedeutenden
Familie, wie die seinige es war, bedeutete das eine sehr
steile Karriere; und die kostete auch Geld. So erwirkte
Albrecht von Papst Leo X. das Ablaßmonopol
für Deutschland. Die Konsequenzen des Ablaßhandels
sind bekannt, kumulierten sie doch im Anschlag der
95 Thesen in Wittenberg durch Martin Luther.
Dennoch: Als glänzender Theologe umgab sich
Albrecht von Brandenburg mit den Großen des
deutschen Humanismus; Erasmus von Rotterdam, um ein
prominentes Beispiel zu nennen, war sein Freund. Als
Liebhaber der Künste schmückte er seine Residenzen mit
den bedeutendsten Werken deutscher Meister.
Trotz seines später eingeschlagenen Weges gehörte er
bis 1537/38 zu jenen Kirchenfürsten, die sich
bemühten, im Glaubensstreit mit Martin Luther vermittelnd
auf alle Parteien einzuwirken.
Betrachtungen und Bilder zum Leben Jesu
Den auch für den heutigen Benützer gut lesbaren
Text hat Nikolaus Glockendon mit 42 farblich
ausgewogenen Miniaturen zum Leben Jesu und mit dem
prachtvollen Wappen des Mainzer Erzbischofs geschmückt.
In die Rahmen der Bilder setzte er Szenen aus dem
Alten Testament, die das Heilsgeschehen des Neuen
Testaments schon visionär angedeutet hatten. Die
biblischen Szenen spielen sich in einer sehr konkreten
mittelalterlichen Welt ab.
Seinen Bildern hat Glockendon einen
Kupferstich seines Freundes Albrecht Dürer beigefügt, der aus
dem Jahr 1523 stammt. Doch nicht nur die Bilder
machen die Qualität der Handschrift aus, auch die 62
Prunkinitialen des Buchmalers und Mitarbeiters
Glockendons, Georg Stierlein, begeistern durch ihre
Ausführung und prachtvolle Ausstattung.
Die Faksimile-Edition
Alle 256 Seiten (128 numerierte Blätter) der
Handschrift und der Kupferstich Albrecht Dürers wurden
im Originalformat von 21,5 x 16,5 cm faksimiliert.
Die verschiedenen Goldarten von Nikolaus
Glockendon und Georg Stierlein werden originalgetreu differenziert
und in unterschiedlichen, teils handwerklichen
Techniken wiedergegeben. Mit mattem Goldschnitt
versehen, entsprechen die einzelnen Blätter mit ihren leicht
unregelmäßigen Formaten genau dem Original. Die
weitere Verarbeitung der einzelnen Doppelblätter erfolgt
in akribischer Handarbeit nach altem Vorbild. So
werden alle Blätter mit der Hand geheftet und das Kapitalband
von Hand umstochen.
Der Einband ist eine getreue Replik des
Originals. Er wird aus feinstem Kalbsleder hergestellt und ist
mit den Nachbildungen der originalen Schließen
versehen. Die Ausgabe erscheint als Koedition in einer
Weltauflage von nur 999 Exemplaren.
Der Kommentarband
Der wissenschaftliche Kommentarband führt Sie in
die Geheimnisse der Handschrift ein. Als Herausgeber
fungiert Prof. Dr. Eberhard König, Freie Universität
Berlin. Weitere Beiträge stammen von Ulrich Merkl,
Regina Cermann und Dr. Ernesto Milano, Direktor
der Este-Universitätsbibliothek von Modena.
Die Dokumentationsmappe enthält zwei
faksimilierte Blätter im Originalformat und eine
16-seitige, illustrierte Informationsbroschüre.
Diese Mappe wird auf Wunsch zur Ansicht geliefert - $US55.
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