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Das Book of Kells wird im Trinity College in Dublin als Staatsschatz gehütet.
Jährlich kommen an die 250 000 Menschen ins Trinity College, um die über tausendjährige Handschrift des BOOK OF KELLS zu bewundern.
Doch vorn grössten kulturellen Schatz der Iren sind jeweils lediglich zwei Seiten zu sehen. Das BOOK OF KELLS ist derart empfindlich auf Licht, Berührungen und Ternperaturschwankungen, dass nur alle paar Tage eine Seite umgeblättert werden darf.
r ist ein Engel. Aus seinen Schultern spriessen blaue Flügel. Ihm gegenüber sitzt ein Adler. Er hält ein Buch in den Klauen. Gleich wird er jemandem die Augen aushacken. Unter dem Bogen tanzen ein Löwe und ein Kalb, Symbolfiguren für die Evangelisten Markus und Lukas, einen verschämten Pas de deux in Gold, Blau und Rot.
Zoomorphische Gestalten, Tiere und Menschen, sind in einem Reigen verzierter Halbkreise abgebildet. In einem von ihnen schweben zwei nackte Männer, der eine kopfüber, der andere im Schneidersitz, schwerelos, Händchen haltend - wie zwei siamesische ZwilIinge im Ozean der Fruchtblase. In den weinroten Bogen schnellen zwei blaue, atlantische Seehunde. Sie müssen Luft holen.
Tausend Jahre nachdem es auf das Kalbshautpergament des «Book of Kells» aufgetragen wurde, leuchtet es noch immer so frisch wie am ersten Tag. Wir wissen nicht, wie viele Mönche in Iona starben, weil sie diese Farbe benutzt haben. Auripiment ist auch unter dem Namen Arsengelb bekannt. Da der Farbstoff extrem giftig ist, ist eine äusserst sorgfältige Handhabung nötig. Ein Ausrutscher mit dem Marderhaar-pinsel und gleich hätte es im scriptorium einen vakanten Arbeitsplatz gegeben.
Er war der Paul Klee des scriptorium, ordentlich, exakt, harmonisch; die Tinte seiner Handschrift war immer von der gleichen homogenen Schwärze. Allein schon das Mass seiner exquisiten kalligraphischen Grossbuchstaben, die die Hand-schrift mit der Regelmässigkeit eines gesunden Herzschlags strukturieren, würden dem «Book of Kells» den Rang eines Meisterwerks sichern. Seine Farben waren das Blau und das Grün. Gegen Ende des Buchs gibt es zwei Seiten, die ganz ihm gehören. Auf einer sind die Buchstaben nur mit Blau geschmückt. Auf der anderen wendet er das entsprechende Grün an. Die Seiten sind so vollendet wie Schneekristalle.
Um in der Kunstgeschichte etwas zu finden, das dem auch nur ungefähr gleichkommt, muss man um ganze Epochen zurückgehen - zur Kunst des vorchristlichen Indien oder des präkolumbianischen Amerika - oder nach vorne springen in die Kunst der letzten hundert Jahre. Erst Gauguin, Picasso und Dali wagten es wieder, mit so kühner Farbgebung und so unverschämter Sinnlichkeit zu malen.
igentlich wurde ich gern schreiben, daß das Kunstwerk, welches mich immer wieder ins Träumen ver-setzt, zum Beispiel «ll matrimo-nio della Vergine» von Raffael ist. Es hängt in der Pinakothek von Brera in Mailand, wo ich lebe, und ich könnte jeden Tag hingehen, um es mir anzu-schauen. Aber vielleicht würde es mich dann nicht mehr zum Träumen verführen.
Nun hat es mir aber das «Book of Kells» angetan, das nicht nur weit entfernt, im Trinity College in Dublin, sondern sogar noch unter Glas aufbewahrt wird. Soweit ich mich erinnere, wird jeden Tag eine andere Seite aufgeschlagen. Und Seiten gibt es viele in diesem Buch. So kommt es, daß ich eins der Kunstwerke, die mich am meisten faszinieren, bislang nur zum Teil kenne. Ich glaubte schon, mein Leben beenden zu müssen, ohne das ganze Werk gesehen zu haben, aber nun erfahre ich, daß in einem Luzerner Verlag eine Faksimile-Ausgabe vorbereitet wird, so perfekt wie ein Faksimile nur sein kann. Ungefähr in einem Jahr, so sagte man mir, werde ich das ganze «Book of Kells» durchblättern können.
Weshalb nun Joyce - und ich mit ihm - von dem «Book of Kells» so fasziniert sein mußte, ist klar. Er fand in diesem Werk das erschütterndste Beispiel jener mittelalterlichen irischen Kunst, die uns heute noch mit ihrer zügellosen Phantasie beeindruckt, mit dem labyrinthischen Sinn fürs Abstrakte, mit ihrer Paradoxie der Erfindung. Im «Book of Kells» findet sich schon diese ganze methodische Verrücktheit, der wir bei Scoto Eriugena begegnen, in den paradoxen Welten bei Swift, im metaphysischen Solipsismus von Berkeley, in der widersprüchlichen Determination bei Wilde und Shaw und so vielen anderen irischen Autoren.
Das «Book of KeIls» ist ein offenes Werk. Wenn ich in meinen semiologischen Arbeiten und in meinem erzählerischen Werk besessen war von dem Bild des Labyrinths, so war ich es vor allem dank des «Book of Kells». Dann habe ich entdeckt, daß außer Joyce auch Borges es kannte. Das konnte auch gar nicht anders sein: Dieses Werk ist nicht nur Zeugnis einer großen Vergangenheit, sondern auch ein aktuelles Buch, das auf unser Jahrhundert großen Einfluß hatte.
chauen wir heute das Faksimile an, werden wir uns inne, dass wir tausend Jahre lang auf das falsche kulturelle Pferd gesetzt haben. Verführt von der Macho-Ästhetik des alten Griechenlands und Roms, von den Helden der Pax Romana ideologisiert - angefangen bei Cäsars vulgären Kriegserinnerungen, endend bei den Wälzern von Kohorten strammer Lateinprofessoren, die die imperialen Muster aufrechterhielten, sind wir blind geworden für die unendlich subtileren und humorvolleren Kunstformen der Kelten.
ie Farbpigmente wurden auf dem ganzen bis dahin bekannten Erdball zusammengesucht. Das strahlende Ultramarin, das im Überfluß verwendet wurde, war eine Mischung aus gemahlenem Lapislazuli, Eiweiß und Gummi Arabicum: vom Hindu-kusch-Gebirge gelangte es über Persien und Konstantinopel nach Europa. Karminrotes Pigment stammte aus Südfrankreich, wo es aus den Körpern der weiblichen Cochenille--Schildlaus gewonnen wurde. Das brennende Purpur kam aus Spanien nach Iona, wie auch die Sonnenfarbe Auripiment, ein gesättigtes Gelb mit einer Leuchtkraft, die sogar die des Blattgoldes übertraf und ebenso teuer war wie dieses. Tausend Jahre, nachdem es auf die Seiten des «Book of Kells» aufgetragen wurde, leuchtet es immer noch, als ob es erst gestern getrocknet sei. Wenn man das Bild des Lukas mit einem Vergrößerungsglas betrachtet, stellt man fest, daß es, wie alle anderen Illustrationen, mit einem unvorstellbaren Detailreichtum verziert ist. Der Kopfist kaum einen Zentimeter breit, hat aber vollkommen aus-gearbeitete Augenbrauen und winzige Pupillen in den Augen. Die Mimik der ihm gegenüber-stehenden Adler, deren Köpfe nicht mehr als sechs Millimeter in der Breite messen, unter-scheidet sich deutlich von Vogel zu Vogel. Einer irischen Legende zufolge war das «Book of Kells» das Werk von Engeln. Tatsächlich stammt es von einer Gruppe junger Künstler, die auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft standen. Sie müssen jung gewesen sein, da kein Maler, der alter als vierzig ist, in der Lage wäre, derartig feine, labyrinthische Muster zu schaffen, denn Lupen waren noch unbekannt. Zwei der Maler vor allem waren Meister ihres Faches. Die Unterschiede in ihrem Stil und ihrem Temperament, die Zusammenarbeit zweier so radikal verschiedener Talente an einem Werk machen das «Book of Kells» zu dem, was es ist. Der eine von ihnen war vermutlich Ire, vielleicht auch Schotte: Er beherrschte die jahrtausendealten künstlerischen Techniken der Kelten, besonders die der Metallverarbeitung. Ordentlich, präzise, nüchtern - er war der Kandinsky des Skriptoriums. Gegen Ende des Buches findet man zwei von ihm gestaltete Seiten, die eine in Blau, die andere in Grün gehalten. Sie sind so perfekt wie zwei Schneekristalle. Allein schon der ebenmäßige Marsch seiner Majuskeln, die sich die Seite hinunterziehen wie eine Sequenz gesunder Herzschläge, genügen, um das «Book of Kells» zu einem Meisterwerk zu machen. Sein größter Rivale in der Schreibstube - man kann das Manuskript auch als einen Wettbewerb zweier Virtuosen betrachten - war ein temperamentvoller, nervöser Süd-länder. Vielleicht ein Italiener, vielleicht ein Armenier oder Araber. Auf jeden Fall kann man sehen, daß er die Kunst der antiken mediterranen Welt beherrschte, die Kunst Griechenlands und Roms, Persiens und Byzanz'. Sein Stil ist kräftig und geht ins Phantastische, seine Farben sind die des Südens - Feigen-Purpur, Sonnenblumen--Gelb, ein Schwarz, so undurchdringlich wie der Nachthimmel über Tanger: Er war der Salvador Dali der Künstlergruppe.
amit trieb der Faksimile-Verlag in Luzern einen Aufwand an Zeit, Geld und Arbeitsstunden, der denjenigen der vier Schreibermönche vor 1100 Jahren in Iona bei weitem übertrifft.
ines der eindrucksvollsten Zeugnisse dieser Epoche ist das heute im Trinity College in Dublin aufbewahrte «Book of Kells». Zu ihm pilgem jährlich Zehntausende. Im «Long Room» des College, einer langgestreckten, von einem Rundgewölbe über-deckten Bibliothek, wird es in einer Vitrine aufbewahrt. Es enthält auf seinen 680 Seiten die vier Evangelien, ein Neues Testament also, vor dem die Menschen im gedämpften Licht des Raumes schweigend vorbei-ziehen.
Die Ehrfurcht vor diesem Werk ist berechtigt. Der Foliant hat das ehrwürdige Alter von 1200 Jahren. Er ist entstanden um 800, also zur Zeit Karls des Grossen, im Skriptorium eines irischen oder schottischen Klosters. Die Gelehrten streiten sich darüber, wo es wirklich geschaffen worden ist, ob tatsächlich in der fünfzig Kilometer nordwestlich Dublins gelegenen Ortschaft Kells (von wo der Name stammt, weil es dort in einem Kloster lange aufbewahrt wurde, ehe es nach der Reformation dem Trinity College übergeben worden ist) oder auf der Hebrideninsel Iona, einem der wichtigsten Zentren des irisch-schottischen Mönchtums. Vielleicht ist auch beides richtig. Als das reich illustrierte Evangelienbuch geschrieben und gezeichnet wurde, neigte sich das goldene Zeitalter der irisch-schottischen Kultur bereits dem Ende zu. Normannen und Dänen kamen mit ihren flachen Booten über das Meer, brandschatzten die Küsten und zerstörten die Klöster. Die Mönche flohen und nahmen von ihren Werken soviel wie rnöglich mit. Unermessliche Schätze sind während der Invasion der Nordländer verloren gegangen, zahllose Menschen wurden auf grausame Weise getötet. Es war, als ob das Schicksal sich an den irischen Kelten für die vorangegangenen Jahrhunderte des Friedens rächen wollte.
s war sicher nicht die immer wieder beispielhaft herausgehobene «Chi Rho»-Seite: wie in Rätselschrift ausgefüllt, aber ohne Anleitung kaum zu entziffern, von den griechischen Anfangsbuchstaben des Christusnarnens, XPI Matthäus 1, 18 -Christi autem generatio sic erat («Die Geburt Christi geschah aber also.. »]. Sie zeigt in einer unteren Ecke die skurrile Szene, wie zwei Mäuse streitend an einer kreuzgekerbten Hostie zerren, von zwei Katzen an den Schwänzen festgehalten. Der Schweizer Kunstwissenschaftler Anton von Euw, Direktor des Schnütgen-Museurns in Köln, erklärt hinter dern Scherz aus dem Klosteralltag einen zweiten Sinn: Der unbekannte Maler an der Schwelle zum 9. Jahrhundert habe wohl auf das Leiden der kleinen Mönche unter ihren Vorgesetzten angespielt und auch an Abendmahlsstreitigkeiten gedacht.
Und das Geheimnis der Faksirnilierung? Es liegt, neben aller sonstigen SorgfaIt, in einer eigens entwickelten «Buchwaage» mit einem komplizierten Vakuumsystern, das es erlaubt, die Blätter nur an unbeschriebenen und unbemalten Stellen der Rückseite anzu-saugen und festzuhalten, so daß die Vorderseite fotografiert werden kann.
m «Book of Kells» leuchten die kostbaren Farben wie am ersten Tag, vor zwölfhundert Jahren: das Rot aus rotem Blei und von der südeuropäischen Schildlaus, das Gelb aus Goldersatz und Rindergalle. Purpur, Lila und Kastanienbraun aus der Crozophora tinctoria, einer Mittelmeerpflanze, Weiß aus weißem Blei, Hellgrün aus Grünspan und Blau aus Lapislazuli, dem Goldstein des Mittelalters, der von rnarktwirtschaftlich orientierten Kaufleuten aus den Bergwerken vom Fuße des Himalaja bis zur Insel der Heiligen und Gelehrten geschleppt wurde.
Sie sind Ornamente von Künstlern, die nach Art der Goldschmiede arbeiten, Filigran für Filigran. Oder, wie schon der Normanne Giraldus Cambrensis im Jahre 1187 in seiner «Topographia Hiberniae» schrieb: «du glaubst, dies alles sei das Werk eines Engels und nicht eines Menschen».
Kein Wunder, daß das Trinity College alles Menschenrnögliche tut, um das Engelswerk über die Zeiten zu retten: In diesem Jahrhundert wird das «Book of Kells», dem das irdische Schicksal droht, bei größerer Anstrengung zu Staub zu zerfallen, die Grüne Insel nicht mehr verlassen. Fast ein Wunder also, daß der Schweizer Faksimile-Verlag die Erlaubnis erhielt, das Meisterstück der frühen Buchmalerei in sein erlesenes Vervielfältigungsprogramm aufzunehmen. Nach zehn Jahren der Verhandlungen, Prüfungen und Feinarbeiten, nach der Entwicklung einer umfänglichen neuen Aufnahmetechnik, nach hundertfünfzig Flugen zwischen Zürich und Dublin, nach fünftausend Andrucken und dem Verbrauch von zwanzig Tonnen Papier ist das Werk nun vollbracht.
o immer das Buch entstanden ist, die Autoren waren irische Mönche, die auf die Häute von 190 Kälbern die vier Evangelien nicht nur schrieben, sondern zugleich mit einer unglaublichen Fülle von fantastischen Ornamenten und Figuren illustrierten, mit oft spassigen Szenen aus der Tierwelt, mit Gestalten, so verschlungen, dass sie zu Buchstaben werden. Nur zwei der 680 Seiten des «Book of Kells» sind ohne Bilder.
Wie es ums Jahr 800 möglich war, eine Herde von 1300 Rindern zu halten, die nötig ist, um innert nützlicher Frist zu 190 neugeborenen Kälbern und deren Häuten zu kommen, ist ebenso rätselhaft wie die Wege, auf denen die Mönche zu ihren Farben kamen, zu Lapislazuli zum Beispiel, einem Halbedelstein aus Afghanistan, der das leuchtende Blau ergab.
Obwohl das Buch also für die nächsten Jahrzehnte unter Panzerglas bleibt und niemand darin blättern darf, werden bald mehr Leute als je zuvor Gelegenheit haben, jede Illustration, jedes Initial, jeden Buchstaben zu bewundern und sich die Bedeutung jeder Zeile von Wissenschaftern wie Peter Fox, dem Einsiedler Anton von Euw (Konservator am Schnütgen-Museum in Köln) oder Professor J.J.G. Alexander (Institute of Fine Arts in New York) erklären zu lassen.
Möglich macht's ein Schweizer: Der Verleger Urs Düggelin aus Luzern. Mit der Faksimilierung des «Book of Kells» hat er, nach seinen Erfolgen mit Schweizer Handschriften und dem Stundenbuch des Duc de Berry, «ein Lebensziel erreicht».
Erst die Entwicklung einer komplizierten Fototechnik machte es möglich: die berührungsfreie fotografische Aufnahme aller Folioseiten. Allein für diese neue Technik wendete der Faksimile Verlag Luzern 2 1/2 Jahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit auf.