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Das „Goldene Evangeliar“, wie es wegen seiner reichen Ausstattung mit Gold auch genannt wird, ist in der 2. Hälfte des 10. Jh.s entstanden. Der Auftraggeber ist unbekannt, jedoch sprechen die reiche Verwendung von Gold und die hohe Kunstfertigkeit in der Ausführung für eine hochgestellte Persönlichkeit. Im Jahre 1223 war es als Votivgabe von Andronikos Gidon der Gottesmutter in der nach ihr benannten Kathedrale Theotokos Chrysokephalos („Goldköpfige Gottesmutter“) dargebracht worden. Dort war es bis in die Mitte des 15. Jh.s ein wesentlicher Bestandteil der orthodoxen Liturgie. Große Wertschätzung genießt das Lektionar vor allem wegen seiner künstlerisch überaus wertvollen Miniaturen. Sie sind auf beinahe jeder Seite des Codex zu finden und illustrieren einzelne Episoden aus dem Evangelium. Doch auch der Text, der in griechischer Sprache verfaßt ist, verdient gebührende Beachtung. Er ist sehr alt und grammatikalisch außerordentlich exakt. Ein kostbarer Schatz der byzantinischen KunstFür die insgesamt 16 Miniaturen der Handschrift wurden Temperafarben verwendet, die durch die durchgehende Verwendung von Gold für die Hintergründe zusätzliche Leuchtkraft erhalten. An der künstlerischen Ausstattung waren mehrere Maler beteiligt. Es lassen sich orientalische Einflüsse erkennen sowie auch ein starker Hang zum Klassizismus. Ganz in der Tradition der Buchmalerei des 10. Jh.s ist die antikisierende Darstellung des Evangelisten Johannes, der als antiker Philosoph, mit Toga und Schriftrolle, vorgestellt wird (folio 1r). Der Text ist mit einer blaßblauen Tinte in der liturgischen Unziale, einer Majuskelform des 10. Jh.s, geschrieben. Manche Initialen sind durch eine deutliche Vergrößerung und die Verwendung von Gold, Zinnober, Blau und Grün besonders hervorgehoben. Die in späterer Zeit hinzugefügten Neumen wurden mit einem helleren Rot eingetragen. Da das Lektionar über lange Zeiträume hinweg in der Liturgie Verwendung gefunden hatte, befand es sich bis vor kurzem in einem äußerst schlechten Erhaltungszustand. Die Farben und die Goldauflagen des Hintergrundes waren abgebröckelt. Etliche Miniaturen waren weitgehend zerstört. Nach erfolgreicher Restaurierung präsentiert sich nun die Handschrift wieder in ihrer ganzen Pracht. Ein wertvolles Zeugnis für Mysterium und Ästhetik der OstkircheDie erhaltenen Textfragmente des Lektionars und der Inhalt der Miniaturen lassen erkennen, daß es in der Tradition der typographischen Evangeliare steht, in die Lesungen aus den Evangelien für jeden Tag der Zeit von Ostern bis Pfingsten sowie der Karwoche aufgenommen wurden. Für alle übrigen Wochen des Kirchenjahres enthält es nur Samstags- und Sonntagslesungen. Im Jahre 1858 wurde das kostbare Lektionar dem russischen Zaren Alexander II. für eine Hilfskollekte zum Bau einer Kirche geschenkt und gelangte so in die Sammlung griechischer Handschriften der kaiserlichen Bibliothek. In seinem Jahresbericht merkte der Bibliotheksdirektor rühmend an, daß „das griechische Evangeliar … den bedeutendsten Platz unter den Neuzugängen der Bibliothek des Jahres 1858“ einnehme. Die eigentlichen Fragmente aus Trapezunt wurden von einem Evangelistar, dem es in späterer Zeit beigebunden worden war, getrennt und separat gebunden. In diesem Ledereinband wird es auch heute noch verwahrt. Der KommentarbandMit der derzeitigen „Bewahrerin“ des Codex, Elena M. Schwarz aus St. Petersburg, konnte für den Kommentarband die berufenste Autorin gewonnen werden. Darin sind in zweisprachiger Fassung (deutsch/englisch) Beiträge zum Umfeld der Handschrift und zu ihrem kodikologischen Befund sowie eine Transkription des griechischen Textes enthalten. |
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