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Von großem historischen Wert sind auch die im Codex enthaltenen 91 Illustrationen, die durch schwungvolle Dynamik und große Liebe zum Detail begeistern. Diese meisterhaft ausgeführten Darstellungen sind auf die verschollenen Originalzeichnungen des Barthélemy d’ Eyck zurückzuführen, ein großartiger Maler, der einige Zeit für König René arbeitete. Der hohe Wert der Dichtung als historisches und literarisches Denkmal des 15. Jh.s und die unbestrittene Seltenheit des Textes stießen nicht zuletzt bei Wissenschaftlern der mittelalterlichen Geschichte, Literatur und Kultur auf reges Interesse. Auch für das Studium der mittelalterlichen Heraldik liefert die Handschrift eine Menge wertvolles Material, da auf den Illustrationen zahlreiche Wappen dargestellt sind. Die einzige Quelle der Tjoste von SaumurDie Petersburger Handschrift ist das einzige historische Zeugnis des prunkvollen Ritterfestes von Saumur, das alle anderen Kampfspiele neben sich verblassen ließ. Sie ermöglicht es uns, den detaillierten Ablauf der feierlichen Ereignisse vollständig zu rekonstruieren. Dies ist ein wichtiger Aspekt, der die Handschrift zu einem aussagekräftigen Dokument über die Geschichte der ritterlichen Kampfspiele des späten Mittelalters macht. Der Verfasser des Textes berichtet über die Organisation und das Zeremoniell der Tjoste (einer Art des ritterlichen Kampfspiels, bei dem jeweils nur zwei Ritter gegeneinander antreten durften), über Akteure und Kämpfer, er beschreibt die Ausrüstung der Ritter – besonders ihre Helmzier – sowie die Geschirre und Decken der Kampfpferde. Aber nicht nur das – er bemüht sich auch, die Turniere, die ja zu den wesentlichen Inhalten der höfisch-ritterlichen Kultur zählen, in ihrer ganzen Bedeutung darzustellen. René d’ Anjou: Politiker, Mäzen, DichterZu den großzügigsten Turnierherren seiner Zeit zählte René d’ Anjou, König von Neapel und Sizilien, Herzog von Anjou, Bar und Lothringen. Er war nicht nur ein ehrgeiziger Fürst, sondern auch ein feinsinniger Mäzen der schönen Künste. Darüber hinaus versuchte er sich selbst in der Dichtkunst. Zahlreiche Werke aus seiner Feder, darunter der allegorische Liebesroman „Vom liebentbrannten Herzen“, belegen des Königs Talent auch für dieses Genre. Darüber hinaus verstand es René, glanzvolle Feste zu veranstalten. Die von ihm ausgerichteten Turniere waren im ganzen Land berühmt und wurden von Dichtern besungen. Ein Spiegel des ritterlichen LebensidealsDie Petersburger Handschrift war höchstwahrscheinlich vom Turnierherrn René selbst in Auftrag gegeben worden. Ein Dichter, dessen Name uns unbekannt geblieben ist, sollte für den König eine poetische Beschreibung der prunkvollen Tjoste zu verfassen. Aus der bunten Menge der feierlichen Ereignisse griff er fast ausnahmslos die Kampfszenen heraus. Dabei waren für den Autor weniger die Ergebnisse der Wettbewerbe von Bedeutung als vielmehr die ausführlichen Beschreibungen der Wappen auf den Schilden, der Pferdeausrüstung und besonders der Helme der Teilnehmer. Dies dürfte auf den ausdrücklichen Wunsch des Königs zurückzuführen sein, der größten Wert auf Wappen und Helme legte. Denn jeder Teilnehmer sollte seinen Anweisungen gemäß unbedingt den entsprechenden Helmaufsatz, die Helmzier und das Wappen auf seinem Schild tragen. Immer wieder finden wir in den 3952 Versen auch Aussagen zur tieferen Bedeutung des Turniers für die zeitgenössische Rittergesellschaft und Hinweise auf den Verhaltens- und Ehrencodex, dem sich jeder Teilnehmer unterwerfen mußte. Im ritualisierten Kampf wollten die Ritter ihre Lebensideale demonstrieren: Tapferkeit und Freigebigkeit, Ehre und Ruhm, Lehnstreue und Frauendienst. In seinem Auftragswerk erweist sich der Autor als großer Könner des Versifizierens. Streng hält er das System des Reimes in jeder Strophe ein. Er erscheint als ein überaus gebildeter Dichter, der nicht zum ersten Mal an einem poetischen Text arbeitete. Die MiniaturenDie Erzählung des Werkes wird durch zahlreiche Illustrationen optisch unterstützt, wobei Text und Bilder eng miteinander verbunden sind. Die Illustrationen sind mit Feder gezeichnet und anschließend mit Aquarellfarben ausgemalt. Unterschiede in den Farben und in der Wiedergabe der Landschaften sowie unterschiedliche Darstellungsweisen der Ritter und ihrer Helmzier geben Anlaß zur Annahme, daß die Handschrift von mehreren Meistern illustriert worden ist. Oft stellen die Miniaturen eine wertvolle Ergänzung des Textes dar, sodaß man sagen kann, daß der Illustrationszyklus ebenso wie der Text den Wert des Werkes als historische Quelle gleichermaßen bestimmen. Der KommentarbandDer wissenschaftliche Kommentar, der als Begleitband zur Faksimile-Ausgabe erschienen ist, besteht aus zwei Teilen. Im ersten wird die Handschrift aus verschiedenen Sichtweisen analysiert. J. Malinin, Spezialist für französische Geschichte des Mittelalters, setzt sich mit dem Autor und seinem Werk auseinander, der Beitrag von N. Elagina, Kustodin der westlichen Handschriftensammlung der Russischen Nationalbibliothek, umfaßt eine detaillierte Charakteristik des Codex, die Ergebnisse der Textforschung und eine Analyse der Illustrationen, D. Zypkin legt die Ergebnisse seiner kodikologischen Erforschung der Handschrift dar und T. Voronova analysiert die Bestände der Bibliothek von René d’ Anjou in der Sammlung der Russischen Nationalbibliothek. Der zweite Teil des Kommentarbandes bietet die erste vollständige Transkription des altfranzösischen Originaltextes. |
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